Ana Sayfa

2,5 Millionen Euro für eine Weltgeschichte des Kunstraubs: Großprojekt startet an TU Berlin

20 Eylül 2017 Çarşamba, 20:41:38
ÖZGÜR ÖZATA
Bénédicte Savoy will mit internationalem Team historische Entwicklungen wissenschaftlich aufbereiten
2,5 Millionen Euro für eine Weltgeschichte des Kunstraubs: Großprojekt startet an TU Berlin

Die bewegte Geschichte von Kunstwerken und Kulturgütern steht im Mittelpunkt eines neuen Großprojektes, das jetzt in Berlin gestartet wurde. Mit einem internationalen Team will die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Bénédicte Savoy ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsvorhaben zu Kulturgutverlagerungen aus historischer Perspektive verfolgen. Das Projekt „translocations – Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets“ wird unter anderem durch das Preisgeld des Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises finanziert. Die mit 2,5 Millionen Euro dotierte hoch angesehene Auszeichnung bekam die Kunsthistorikerin 2016 für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen.

Kunstraub? Blick auf die historische Ebene

Aktueller denn je ist die Problematik der territorialen Verlagerung von Kulturgütern – ihrer Translokationen – in Kriegs- und Friedenszeiten. Die Folgen derartiger Translokationen von Kulturgütern in der Vergangenheit gehören zu den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Juristen, Museumsleute, Politiker, Ethnologen und Archäologen, Kunsthändler, politische Aktivisten und Journalisten, Künstler und Schriftsteller befassen sich weltweit mit der Thematik. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in der Öffentlichkeit um eine „gerechte“ kulturpolitische Entscheidung bei kulturellen Restitutionsstreitigkeiten gerungen wird. Häufig drehen sie sich um die Fragen: Wem gehören die Objekte? Wer hat ein Recht auf ihre Deutung? Welchen Wert hat Provenienzforschung dabei?

Das Projekt translocations fragt dagegen auf historischer Ebene: Was lösten die Verlagerungen quer durch Zeiten und Länder genau aus, wie wurden sie wahrgenommen, erinnert, instrumentalisiert? Das mehrteilige Großprojekt wird so eine notwendige Grundlagenforschung leisten. Herzstück wird eine analytische Sammlung von Bildern, Texten und Karten, die modernste digitale Tools für das Sammeln, Erschließen und Visualisieren von Daten bereithält. Diese Werkzeuge werden helfen, die sozialen, politischen und kulturellen Implikationen von Kulturgutverlagerungen der Vergangenheit besser zu verstehen – und Orientierung für gegenwärtige und zukünftige Diskussionen geben. Historische Forschung zielt hier bewusst auf die Gestaltung gesellschaftlicher Verständigungsprozesse und die Entwicklung von Handlungsoptionen. 

Beutekunst, Kolonialismus, Verstaatlichung: wissenschaftlich präzise Einordung von Schlagworten

Gegenstand von translocations sind großangelegte Kulturgutverlagerungen seit der Antike: staatlich organisierter Kunstraub und Beutekunst in Kriegs- und Okkupationszeiten; Entzug von Kulturgütern in der Kolonialzeit; Verlagerung und Abtransport in Folge von Fundteilungen und wissenschaftlichen Expeditionen; durch den Kunsthandel forcierte Diaspora ganzer materieller Kulturen; ideologisch begründete Beschlagnahmungen; Verstaatlichungen oder massive Veräußerungen privaten Eigentums. Grundlage der Arbeit von translocations ist die wissenschaftlich präzise Einordnung der zahlreichen historischen Konstellationen. 

Vier Basisprojekte: digitaler Atlas, Textsammlung, Glossar und Bildrepertorium

Die Arbeit von translocations stützt sich auf vier Basisprojekte, die Material erschließen und verfügbar machen. Dazu gehören ein digitaler Atlas, eine Textsammlung, ein Glossar und ein Bildrepertorium zur Ikonographie von Kulturgut-Bewegungen.

Mit dem web-basierten Kartenwerk werden die historischen Vorgänge geordnet und durch Visualisierung zusammengeführt. Dieses Atlas-Projekt wird gemeinsam mit Dr. Anne Luther für translocations entwickelt. Ihr Forschungsprojekt „Visualisierungsstrategien für Datenbanken musealer Sammlungen“ zielt darauf, Forschungsfragen anhand von musealen Datenbanken zu formulieren und so eine Grundlage für die Exploration von Sammlungen u.a. durch Augmented Reality und Datenvisualisierungen zu entwickeln. Ein erster wichtiger Output ihres Vorhabens werden drei Workshops in Kooperation mit dem Médialab der Sciences Po in Paris und dem Center for Data Arts der New School in New York sein. In ihnen soll ein besseres Verständnis von digitalen Datensätzen im musealen Kontext erarbeitet werden. 

Die Textsammlung vereinigt berühmte und neu entdeckte Texte von Cicero über Quatremère de Quincy bis zu Victor Hugo, Carl Einstein und Kwame Anthony Appiah. 

Im Glossar werden Begrifflichkeiten aus unterschiedlichen Sprachkontexten historisch-kritisch untersucht und auf ihre ideologischen und theoretischen Implikationen hin überprüft. 

Eine Datenbank für Bildquellen macht den vierten Kernbestandteil des Projektmaterials aus: Wie wurden seit der Antike Translokationen – Wegnahmen, Zerstörungen, Abtransporte, Eroberungen, Restitutionen von Kunstwerken und Kulturgütern – inszeniert und dargestellt? Wie sehen die Orte aus, an denen sie sich nicht mehr befinden? Das Augenmerk liegt besonders auf politischer Ikonographie und medialen Mitteln wie Dokumentar- und Propagandafilm bzw. -fotografie bis hin zu Amateurvideos aus dem Internet. 

Das Projekt translocations besteht aus einem international besetzten Team mit 16 Forscher*innen (neben Bénédicte Savoy acht PostDocs, vier Doktorand*innen und drei Masterstudent*innen), die innerhalb des Clusters an Einzelstudien arbeiten und gemeinsam die oben skizzierte Forschungsarbeit an den Basisprojekten von translocations betreuen. In diesem Team treffen acht Nationen aufeinander, die von den Mitgliedern vertretenen Disziplinen reichen von der Kunstgeschichte und Philologie über die Wirtschaftswissenschaften bis zu Design und Informatik.

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